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Galina Samarina-Skryl
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HOMO CREATOR   HOMO SENSIBILIS EINHEITSPRINZIP DER NATUR    

 


HOMO SENSIBILIS


Die religiöse Weltanschauung ist das früheste gemeinsame Moment im menschlichen Bewußtsein. Religion ist Zeugnis und Ausdruck dafür, daß der Mensch der Welt in der er lebt, gewahr wird.
Der inhaltliche Vergleich von Weltschöpfungs-Mythen und archaischen Weltmodellen in altägyptischen Schriften, in mesopotamischen, indischen, iranischen chinesischen, altgriechischen, ebenso wie ein Vergleich der Grundthesen der Weltreligionen erlaubt, von einer relativen Übereinstimmung mit dem Model des Einen Prinzips der Natur zu sprechen.
In allen Modellen läßt sich das Prinzip der drei Etappen bei der Erschaffung der Welt verfolgen. Welterschaffungsmythen beginnen mit der Beschreibung dessen, das am Anfang war. In der Regel gleicht dieser Anfang dem Chaos und Nicht-sein. Die Beschreibung des in Etappen fortschreitenden Entstehens und Sich-Entwickelns beginnt stets in einem 3Punkt höherer Wertigkeitã, der mit dem Zentrum der Welt gleichgesetzt wird, oder mit einem Urelement, einer Materie oder einem dieses Urelement personifizierenden Objekt:
Ä gypten (heliopolische Version): Vor dem Schöpfungsakt war ein Wasserchaos, aus dem der Gott Demiurg Atum sich selbst und den Urhügel erschuf;
Mesopotamien (3Enuma Elischã): Der Gott Apsu
Indien (3Rigvedaã): Das Eine (tad ekam);
China (3I-Gingã): der absolute Ausgangspunkt der Welt/Ur-Anfang (Tai Gi),
in der 3Theogonieã Hesiods: Chaos;
im Hinduismus: 3Das goldene Ei des Brahmaã
In der antiken Mythologie galten als Ur-Anfang verschiedene Substanzen: bei Thales: Wasser; bei Anaximandros: Apeiron; bei Heraklit: Feuer; bei Xenophanes: Staub; bei Demokrit: das Atom
Dieser Ur-Anfang kann als Punkt 1 im Modell definiert werden.
In der zweiten Etappe der Weltschöpfung teilt sich das Ur-Element in zwei Gegensätze, die in verschiedenen Mythen als Oben und Unten / Himmel und Erde vorgestellt werden, oder als Erscheinen zweier entgegengesetzter Kräfte. Diese Schöpfungsetappe entspricht dem Erscheinen der 3Erst-Zeitã, wenn sich Vorstellungen von Vergangenheit und Zukunft bilden. In dieser Dichotomie stellt die sakrale Ur-Zeit den Ur-Grund aller folgenden Ereignisse dar. Die Entstehung der Welt als Ergebnis der Einführung grundlegender binärer Gegensätze: Himmel ö Erde; Oben ö Unten; Heiß ö Kalt; Männlich ö Weiblich; Gut ö Böse; setzt die Entwicklung von Merkmalen in Richtung eines Mehr oder Weniger voraus.
Binäre Oppositionen, die in der zweiten Schöpfungsetappe entstehen, kann man als zwei Punkte im Modell definieren: als Punkte 2.1 und 2.2.
In den altägyptischen Mythen entspricht dieser Vorgang dem Erscheinen des Luftgottes Schu und der Göttin der Feuchtigkeit Tefnut,
in Mesopotamien ist es die Teilung des chthonischen Ungeheuers Tiamat in Oben und Unten/Himmel und Erde,
im 3Rigvedaã: das Trockene und Nicht-Trockene, oben und unten, Begierde und Anstrengung. Im (Zoroatrismus) Zarathustra-Kult: der gute Gott sepanta meynu und der böse Gott angra meynu;
im 3I Gingã: zwei elementare Kräfte 3Yangã und ãYinã;
im Hinduismus: die Teilung des 3Goldenen Eis des Brahmaã in Himmel und Erde und die Teilung des Brahma in eine männliche und eine weibliche Hälfte;
bei den antiken Philosophen: Warm und Kalt (Anaximandros), der Weg nach oben und der Weg nach unten (Heraklit), Erde und Wasser (Xenophanes).
Die nächste Schöpfungsetappe stellt die Entwicklung von Beziehungen zwischen zwei Gegensätzen dar, aus denen die Vielfalt der Welt resultiert. Diese drückt sich weiter in einer Dreiteilung aus und in der Entstehen neuer Strukturen mit drei Grundpositionen: im Himmel: Sonne, Mond und Sterne; auf der Erde: Pflanzen, Tiere, Mensch;Ê der Weltberg: Gipfel, Fuß und Körper des Bergs; der Weltenbaum ist eingeteilt in Krone, Stamm und Rinde. In vielen Mythen entsteht aus dem göttlichen Paar, dem Gott des Himmels und der Göttin der Erde, ein neuer Gott, ein Gott-Sohn, oder ein 3kulturellerã Held. In der Regel bestimmt die mythologische Denkweise während dieser Etappe bereits konkrete Begriffe der realen Welt. Die räumliche Vorstellung konkretisiert sich und der Raum ist erfüllt von verschiedenen Elementen und Objekten.
In dieser Etappe erscheint die Dreiteilung der Welt und man kann dies gleichsetzen mit den drei Punkten des Modells: 3.1 ö 3.2 ö 3.3
Die Einteilung der Welterschaffung in drei Etappen, ebenso wie die Einteilung der existierenden Welt in drei Ebenen, entspricht dem Grundprinzip in der Weltanschauung des Menschen im Altertum. Dieser Ordnung ist das gesellschaftliche Leben ebenso unterworfen, wie das Verhalten des einzelnen in der Gesellschaft.
Die archaische Regulierung sozialer Beziehungen geschah durch Totemismus und Tabu. In archaischen Formen menschlichen Zusammenlebens entstand durch die Notwendigkeit, sich über die umgebende Welt zu verständigen, sprachlicher Austausch.
Dem lag die Sicherung der Kontinuität und Stabilität der sozialen Struktur dieser Früh-Gesellschaft zugrunde
Die materielle Beschaffenheit der realen Welt definierte die gesellschaftliche Struktur. Das Totem ist konkreter Ausdruck dieser übers Materielle definierten Struktur: ein real existierendes, materielles Objekt: ein Tier, eine Pflanze, seltener ein unbelebtes Objekt, dessen regulierende Opposition das Tabu darstellt, das Unterschiede im sozialen Status innerhalb der Gesellschaft widerspiegelte.
Das Totem stellte ein universelles Kommunikat der Gesellschaft dar. Mit metaphysischen Qualitäten versehen wird ein Objekt zum Totem, zum Gegenstand einer religiösen Beziehung. Metaphysische Eigenschaften verwandeln sich losgelöst vom Objekt im menschlichen Bewußtsein in eine selbständige Wesenheit, in ein Zeichen, das eine die sensorischen Realität widerspiegelt und selbst zum Objekt der Wahrnehmung wird. Sensorische Reflexionen formen sich im Bewußtsein in Form von 3Zeichen-Geistã. Die Personifikation des Geistes, als innere Realität des Menschen, stellt den Akt der Erschaffung von Gott dar. Gott, in diesem Fall der Absolute Glaube, ist eine sensitive Position des Bewußtseins, die die Umwelt als von Gott gegeben betrachtet.
Die Entstehung religiös-sozialer Institutionen ging dann vonstatten in Übereinstimmung mit Positionen des mythopoetischen Bewußtseins. Normalerweise stand der Oberste in der Gemeinschaft im wechselseitigen Austausch mit der Gottheit, oder ihrem 3Sohnã, oder mit einer diese Gottheit unmittelbar repräsentierenden Person. Die gesellschaftliche Hierarchie verfestigte sich durch rituelle Handlungen, die von religiösen Institutionen reglementiert wurden.
Die Ganzheitlichkeit, Einheitlichkeit des archaischen Denkens äußerte sich in der formalen Gleichsetzung von Subjekt und Objekt, vom Wesen und seiner Bezeichnung, also in der Gleichsetzung von Wesen und Zeichen. Mythologisches Denken operiert mit konkreten Objekten und Erscheinungen der Realität. Dabei tritt die Ähnlichkeit der Eigenschaften der Gegenstände in den Vordergrund der Wahrnehmung. Das was im rationalen oder wissenschaftlichen Denken als Ähnlichkeit verstanden wird, wird bei der mythologischen oder gefühlsmäßigen Weltwahrnehmung als Gleichheit aufgefaßt, die die erste und primitive Form von Symmetrie darstellt, die Symmetrie 1. Ordnung (Übertragung) in Raum und Zeit. Diese Symmetrie charakterisiert die mythologische Denkweise am vollständigsten. Konkrete Objekte oder Erscheinungen können so zu Zeichen für andere Objekte und Erscheinungen werden, ohne ihre Konkretheit zu verlieren. Das reaktive Bewußtsein macht die von ihm beschriebenen Gegenstände rational zugänglich, indem es Zeichen oder Zeichengruppen durch andere ersetzt.
Das Zeichen für einen Gegenstand ersetzt dabei nicht nur das rationale Verständnis dieses Gegenstands, also ein Symbol, sondern überträgt sich auch kraft der direkten Gleichsetzung ins Vorstellungssystem des Menschen. Das heißt, das Zeichen wird zum Produkt schöpferischer Vorstellungskraft ö zur Gestalt, oder genauer, zum Gestalt-Zeichen. Die Umsetzung dieser Vorstellung, also des zeichenhaften Bildes, oder seine Anwendung in der Praxis des alltäglichen Lebens, äußert sich im Ritual oder im kultischen Brauch, was im Grunde das Wesen von Religion ist. Und so kann man Religion nicht nur als Form der Weltanschauung betrachten, sondern auch als soziale Institution.
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